Freitag, 29. Juli 2022

Dean Wareham, Paris, 19.07.22

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Konzert: Dean Wareham (plays Galaxie 500's On fire) 
Ort: Le Petit Bain, Paris 
Datum: 19.07.2022 
Dauer: knapp 85 min 
Zuschauer: vielleicht 350 



Meine Galaxie 500 Platten habe ich im alten Saturn am Hansaring in Köln gekauft. Im Erdgeschoß standen auf den Plattenfächern Nummern, die im Keller dann auf Regalen standen, in denen die Platten waren, die man suchte. Meine musikalische Sozialisierung fand in einer Prozinz-Indiedisco namens Logo statt, in dem - so meine ich - Blue thunder und Fourth of July liefen. Anders habe ich damals eigentlich keine Lieblingsbands kennnengelernt, MTV kam später, Musikzeitungen gar nicht. Daß ich mich an vielen unnützen Quatsch erinnere, aber nicht an wichtige Dinge wie den ersten Kontakt mit Lieblingsbands ärgert mich sehr. Beim Bizarre-Festival auf der Loreley hatte ich Galaxie 500 in ihrem kurzen Leben live gesehen - sie waren da auch schon meine Lieblingsband - ich erinnere mich aber nicht an den Auftritt, verdammt! Dean Wareham hat mir später einmal gesagt, die Band sei live nicht sehr gut gewesen. Aber sie waren nach der Loreley auch noch mein Liebling, es kann also nicht so schlimm gewesen sein. 

Luna, Deans Band nachdem er Galaxie 500 aufgelöst hatte, habe ich am Anfang ignoriert. Nicht, weil deren Musik nicht meinem Geschmack entsprochen hätte (hat sie immer), ich war beleidigt. Aus ähnlichen Gründen war mir Grunge immer egal. Durch all diese neuen US-Bands verschwanden plötzlich meine anderen Shoegaze-Lieblinge wie Lush. Musikliebe - it's complicated. 

Kompliziert (guter Übergang) war es auch, die 2019er Tour des seit Jahren in LA lebenden Dean Wareham zu sehen. Ursprünglich hatte ich Karten für Berlin, irgendwann auch für Köln, das verschwand aber schnell, dann für verschiedene UK-Shows gebucht. Die Pandemie zerschlug alle Pläne. Irgendwann nach mehreren Verschiebungen kristallisierte sich dann heraus, daß Dean mit Britta Phillips und Band im Juli in Europa sein würde. Die deutschen Termine wurden gestrichen. Nachdem sich auch meine Großbritannien-Pläne änderten, kaufte uich kurzentschlossen zwei Tage vorher ein Ticket für das Konzert in Paris. 

... für Paris am heißesten Tag des Jahres. Auf der Fahrt waren es bis zu 40 Grad. Die Tour de France quälte sich durch die Pyrenäen. Mich ließ das alles kalt, das Konzert fand auf einem Hausboot auf der Seine statt, dem Petit Bain, auf dem ich Olivers 100. Oliver-Peel-Session mit Cinerama und Vorgruppe The Wedding Present gesehen hatte. Daher wusste ich, daß der Boots-Club klimatisiert ist. 

Aus gut unterrichteten Quellen weiß ich auch, daß Dean Wareham auch auf der Booking-Shortlist für die 100. Oliver-Peel-Session stand. Wie passend, daß er jetzt mit ein paar Jahren Verspätung da spielen würde. Bei der Tour steht die zweite Galaxie-500-Platte On fire (die mit dem Ohrring) im Fokus. Ich glaube nicht, daß ich einen Liebling unter den drei Alben der Band habe, vermutlich stammen aber zumindest ein paar Lieblingslieder von On fire (Snowstorm, Another day und vor allem Decomposing trees). 

Das sehr gut besuchte Konzert begann mit einigen Liedern von Deans hervorragender Soloplatte I have nothing to say to the Mayor of LA von 2021. Der fantastische Quasi-Titelsong The past is our plaything (der mit "I have nothing to say to the Mayor of LA" beginnt) eröffnete das Konzert. Deans Band bestand diesmal aus Gitarrist Derek See, Schlagzeuger Roger Brogan und Britta Phillips am Bass. 

Nach vier weiteren Liedern von der neuen Soloplatte leitete Dean mit "going back to 1989" zu On fire über. Erstes Lied war wie auf Platte Blue thunder (G500-Trivia: benannt nach Deans damaligen Auto). Danach folgten eine Perle nach der anderen, grob in Plattenreihenfolge. Lustigerweise spielte die Band Strange nicht mittendrin sondern am Schluß des normalen Sets. Das scheint mir eine self-fulfilling prophecy zu sein. Damon Krukowski, Galaxie 500 Drummer, schrieb in einem Blogpost über Stranges merkwürdiges Verhalten bei Spotify: 

In 2018, I noticed that one Galaxie 500 song – “Strange” – was streaming on Spotify far more than any others. There was no obvious explanation. The song hadn’t been included on a popular playlist; it hadn’t been used in a film or commercial; it hadn’t been covered by another band, or mentioned by some celebrity influencer. As far as we could tell, there hadn’t been any change in its public profile for literally decades. What’s more, it hadn’t been one of our singles, or “emphasis tracks” for radio back in the day. There is no music video. It simply wasn’t the logical track to try first, if you wanted to check out what Galaxie 500 sounded like. 

Tugboat (sicher dem Ort geschuldet, allerdings auch ein großer Hit!), das wunderschöne Flowers und das Joy Division / New Order Cover Ceremony beendeten das tolle Set. Dafür nach Paris gefahren zu sein, war eine sehr gute Idee! Auch wenn ich fast noch in eine Kneipenschlägerei geraten wäre. Das Publikum bestand zu großen Teilen aus der gut informierten Pariser Indieszene. Dazwischen standen drei mächtig angetrunkene (Klischee!) Iren. Die vielen Komplimente für Dean ("Du hast schöne Haare!" - "Zieh Dein Hemd aus!") waren witzig, das viele Kneipengequatsche bei den ruhigen Solo-Liedern nervte alle um sie rum. Einige Französinnen und Franzosen baten die drei freundlich, doch bitte stiller zu sein (um ihre Lieblingsmusik zu hören, für die sie seit 2019 Tickets hatten), was den Hauptiren immer wütender machte. Zur Deeskalation gingen die Franzosen in eine andere Ecke des Saals und die Iren an die Bar. Vermutlich hat am Ende die Klamaanlage unsere Nasenbeine gerettet. 

Hatte ganz vergessen, wie aufregend Konzerte sein können! 

Setlist Dean Wareham plays Galaxie 500, Le Petit Bain, Paris: 

01: The past is our plaything 
02: The last word 
03: Robin & Richard 
04: As much as it was worth 
05: Under skys 

On fire: 
06: Blue thunder 
07: Tell me 
08: When will you come home? 
09: Snowstorm 
10: Decomposing trees 
11: Another day 
12: Plastic bird 
13: Leave the planet 
14: Isn't it a pity (George Harrison Cover) 
15: Strange 

16: Tugboat (Z) 
17: Flowers (Z) 
18: Ceremony (Joy Division / New Order Cover) (Z) 

Links: 

- aus unserem Archiv: 
- Dean Wareham, Köln, 29.07.14 
- Dean Wareham, Indietracks, 26.07.14 
- Dean Wareham, Paris, 07.12.13 
- Dean Wareham plays Galaxie 500, Barcelona, 28.05.11 
- Dean Wareham plays Galaxie 500, Paris, 19.02.11 
- Dean Wareham plays Galaxie 500, Minehead, 11.12.10



Montag, 4. April 2022

Sleaford Mods, Köln, 02.04.22

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Konzert: Sleaford Mods
Ort: Live Music Hall, Köln
Datum: 02.04.2022
Zuschauer: ausverkauft


von Dennis

Für drei (Nachhol) Konzerte haben sich Sleaford Mods Frontmann Jason Williamson und Produzent Andrew Fearn, unterstützt durch einen brachial wirbelnden Supportact, auf nach D gemacht.
Politisch klare Statements, Front eröffnend gegen die schwierig Situation im England, die ebenso von Corona und speziell vom Brexit gekennzeichnet ist und eine Menge Verlierer kennt. 

Mit ihrem neuen Album „Spare Ribs“ leisten die Mods ihren Beitrag zur Bewältigung der zurückliegenden Zeit. In nur drei Wochen eingespielt, rammt sich der eindringliche East Midland Akzent ins Hirn. 

Der Abend selbst passend geprägt vom Öffnungsdiskurs der letzen Wochen, ausverkauft und alles in Feierlaune, rahmte den Gig des Duos passend ein. 

Dennoch blieb alles irgendwie merkwürdig diszipliniert. Keine Bierduschen, kaum Schweiß, eben am Ende doch noch ein wenig verhalten. Aber es geht wieder los und mit den Mods ein grandioser Auftakt! Die komplette Galerie auf www.desc-photography.com


Donnerstag, 16. September 2021

Gudruns Konzerttipps: Hemmersdorf Pop Festival

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Konzerte und Festivals insbesondere muss man ja derzeit mit der Lupe suchen. Nach der Freude darüber, dass in Mannheim das 10. Maifeld Derby und in Dresden das 10. Sound of Bronkow stattfinden konnten, gibt es nun gute Neuigkeiten aus dem Dreiländereck um Hemmersdorf: Das Hemmersdorf Pop Festival findet vom 14.-16. Oktober statt!
 

Hemmersdorf liegt unmittelbar auf der Grenze zu Frankreich und unweit von Luxemburg auf dem platten Land im Saarland. Die Macher selbst sagen:

Unsere Ziele …
… sind Magische Momente zu schaffen und internationale Künstler auf höchstem Niveau in besonderem dörflichen Ambiente zu präsentieren.
Künstler, die man sonst nur in den Metropolen oder bei Festivals fernab der Region Saarland, erleben kann.
 

Das gelingt dieses Jahr gewiss, z.B. miteinem Ausflug zur Eröffnung nach Guerstling und den folgenden Künstler*innen:
 
Simon Goff
Thala
Douglas Dare
Trouble Boy
Chemikal Underground
Ajimal
Anna Leone
 
Aus unserem Archiv:
Douglas Dare, Eindhoven, 07.02.14
Douglas Dare, Wiesbaden, 22.05.13 



Mittwoch, 8. September 2021

Maifeld Derby 2021, Mannheim, 03.-05.09.2021

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Konzert: Maifeld Derby 2021
Ort: Mannheim Reitstadion
Datum: 03.-05.09.2021
Dauer: 3 Tage
Zuschauer: täglich ca. 1.500


„Der nächste Song handelt von Spaghetti, denn Spaghetti sind ziemlich toll“...Mit dieser liebenswerten Einleitung zu ihrer neuen Single bringt die luxemburgische Künstlerin C`est Karma, das positives Lebensgefühl des Wochenendes auf den Punkt. 


„Toll“ sind nämlich auch Festivals und so langsam nimmt die Branche wieder Fahrt auf. Der Weg zur Jubiläumsausgabe des „Maifeld Derby“ (wenn auch unter Corona- Bedingungen) glich eher einem 3-fachen Ochser als einer flüssigen Dressur (um mal bei den beliebten Pferdevergleichen zu bleiben). Verschiebungen, Absagen, Crowdfunding und andere Hilfen führten aber am Ende doch zum Ziel. Das Festival konnte also, wenn auch mit extrem kurzer Vorlaufzeit, stattfinden. 

Not macht erfinderisch; großes Palastzelt raus, Stühle und neue Bühne am Reitplatz rein. Viel war von den notwendigen Corona-Maßnahmen durch das straffe Programm und die clevere Umsetzung zum Glück nicht mehr zu spüren. Lediglich außerhalb des Sitzplatzes war noch eine Maske notwendig. Ansonsten galten die üblichen 3G-Regeln und das Einloggen mit Luca und Sogar Camping war möglich. Musikalisch gab es viel zu erleben. 

Das Maifeld Derby steht seit Jahren für musikalische Breite. Stilgrenzen werden gedehnt, „Scheuklappen“ gibt es nicht. 

Auffällig waren in diesem Jahr Bands und Künstler: innen, die nah am deutschen Schlager musizieren. Edwin Rosen und Dagobert wagen den Spagat, bringen aber dafür auch schon am Nachmittag das jeweils zahlreiche Publikum zum Tanzen (natürlich nur am eigenen Platz). 


Der Sound von Sofia Portanet ist da variabler. Zwischen 80er Pop, französischem Chanson und rockigeren Tönen zeigt sie, ebenfalls am Freitag, einen starken Auftritt. Genau wie Alex Mayr auf der zweiten, kleineren Biergarten-Bühne. Ihre im Studio mit tollem Wall-of Sound eingespielten Songs führt sie hier in intimeren, etwas schrofferen Tönen auf. Lediglich mit Bass und Schlagzeug als Begleitung verlieren die Stücke aber fast nichts von ihrer traumhaften Leichtigkeit. Besonders „Geisterbahn“ gewinnt live nochmal an Intensität. 



Weitere Gewinner des Freitags sind Schubsen aus Nürnberg mit ihrem charismatischen Frontmann Robert Krupar und punkigen Klänge sowie natürlich Cari Cari aus Österreich. Die beiden überraschen die Zuschauer mit einem elektrischen Didgeridoo und staubigen Wüstensounds (a la Tarantino) und machen den Reitplatz bei praller Sonne zur Westernstadt. 


Lewsberg aus den Niederlanden dagegen haben ihren Sound etwas verändert. Geige statt Schlagzeug macht die Songs etwas ruhiger und der brachiale Sound der Hauptbühne, auf der Drangsal seine rote Latexmaske zur Schau stellt, macht es nicht leichter ihnen zu folgen. 



Am Samstag überzeugt die Hauptbühne dann mit vier starken Auftritten: Zunächst Anika , die betont unterkühlt, mit bewusst unverständlichen Ansagen, der Sonne trotzt. Am Bass brilliert Jil März von der Band Gurr . Danach Sophia Kennedy mit Songs ihres starken, neuen Albums „Monsters“ und einer fantastischen Ausstrahlung, gefolgt von den gefeierten Efterklang , die Hit an Hit reihen. Sänger Caspar Clausen bekommt das Grinsen gar nicht mehr aus dem Gesicht, soviel Lust hat die Band, wieder auf der Bühne zu stehen. Ein bewegender Auftritt, der beide Seiten strahlend zurücklässt. 



Headliner am Samstag ist dann noch Sophie Hunger , der man in diesem Jahr als Konzertgänger wohl nur schwer entkommen kann. Sie verwandelt ihre Songs von Tour zu Tour mit wechselnder Besetzung ihrer Musiker: innen immer wieder neu. Dieses Mal sind gleich 5 weitere Sänger: innen dabei und schaffen ein wohlige Atmosphäre zwischen Musical und Gospel. Echte Emotionalität soll hier in jeder Phase kreiert werden, mich packt es an diesem Abend leider nicht.



​Am Sonntag wird es dann noch heißer. Zur Mittagszeit bleiben viele Zuschauer auf den Rängen der überdachten Tribüne, was ein großes Loch zwischen Bühne und Rängen erzeugt. Die oben bereits erwähnte C’est Karma bleibt trotzdem cool, auch wenn ihr Laptop mit Sonnenstich aufgibt und sich alles gegen Sie zu verschwören scheint. Ihre Songs sind großartig und hoffentlich hat Sie in naher Zukunft mehr Glück, sich bei großen Festivals zu beweisen.


Erste Jubelrufe und wilde Tanzeinlagen folgen dann bei Dagobert , der hat netterweise seinen Freund Kai Shanghai dabei, dessen einsamer Hit „Ananas“ zum Running Gag des Tages wird. Im Biergarten schwitzen drei junge Bands aus Österreich hintereinander: Culk , Dives und Oehl


Danach senkt sich die Sonne über dem Reitplatz und das große Finale steht an. Besser hätte der Booking-Gott es nicht planen können. De Wolff aus den Niederlanden lassen endlich auch mal die Gitarren krachen. Ähnlich wie bei den Hives stehen hier nicht die Songs, sondern die Performance im Vordergrund. Und die ist, vom roten Cord-Anzug des Sängers bis zum Gitarrensolo, das hinter dem Rücken gespielt wird, perfekt. 


Und dann sind da noch The Notwist , die dem Ganzen die musikalische Absolution erteilen. In einem wilden Ritt durch die Bandgeschichte, erzeugen sie einen Sog aus Sounds, Licht und Melodien, denen sonst wirklich nur Radiohead oder LCD-Soundsystem so auf die Bühne bringen. 


Ein wirklich würdiger Abschluss eines tollen Wochenendes, das mit dem ruhigen und bezaubernden „Consequence“ ein Ende findet. Für das nächste Jahr wird laut Veranstalter schon fleißig am Line-Up gebastelt. Bald soll es bereits Infos zum Ticketverkauf für 2022 geben. Die Vorfreude steigt bereits. 

Alle Fotos: Michael Graef

















 


Samstag, 21. August 2021

Tocotronic, Trier, 20.08.21

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Konzert: Tocotronic - Let there be Tocotronic (The Hamburg years)
Ort: Arena Vorplatz, Trier
Datum: 20.08.2021
Dauer: ca. 105 min
Zuschauer: nicht ausverkauft




Liebes Tagebuch,

heute bin ich recht gut ausgeschlafen aufgestanden und nach Trier gefahren. Trier schien mir ein guter Ort für eines der Hamburg years Konzerte von Tocotronic zu sein, denn dort habe ich während des Studiums zum ersten mal Tocotronic-Lieder gehört und leise mitgesungen habe, wenn ich an den Jongleuren vor der Mensa vorbeigegangen bin. 

Das ist irrsinnig lange her, damals gab es noch keine Arena, Konzerte fanden im Exhaus statt. Oder in Köln. Das größte kulturelle Spektakel in Trier seit Abzug der Römer hatte ich damals dummerweise verpasst. Prince spielte 1992 im Moselstadion, die Tickets dafür waren mir viel zu teuer gewesen (55 DM). 


Als ich mein Ticket für Tocotronic (36,90 €) gekauft habe, war natürlich überhaupt nicht abzusehen, ob, wann und wie das Konzert stattfinden würde. Daran haben wir uns in den vergangenen Jahren gewöhnen müssen. Da ich zweimal geimpft bin und vor einigen Wochen meine ersten beiden Konzerte seit Corona-Beginn gesehen habe, erschien mir ein erstes großes Ding im Freien nicht verkehrt zu sein. Im Sommer letzten Jahres war das für mich vollkommen unattraktiv. Jetzt gibt es hohe Impfquoten und durchdachte Sicherheitskonzepte, warum also nicht! 

Ich war früh da, mein Konzerttiming funktioniert noch nicht wieder. Weil der örtliche Veranstalter (der damals bei Prince auch schon dabei war) auf Anfragen, was man als Gast zu beachten hat, nicht reagiert hat - jedenfalls nicht vor der letzten Zugabe* - wusste ich nicht, wie lange die Überprüfung von Impfstatus oder Tests und der Austausch der Steh- in Sitzplatztickets dauern würde. Die Organisation des Kartentauschs war perfekt. Für uns Stehplatzinhaber waren die ersten Sitzreihen reserviert. Später im Vorverkauf gab es wohl nur noch Sitzplätze mit festen Nummern. Ich war als dritte Gruppe da, also saß ich in der ersten Reihe leicht links vom Sänger. Die Corona-Checks waren zwar auch pragmatisch gelöst, waren aber auch aus meiner Sicht fragwürdig. Es gab nämlich keine. Keines der Gs wurde überprüft, auf Banden stand aber, daß man mit Symptomen nicht reindürfe. Nun denn. Grund für den laxen Umgang war wohl die niedrige Inzidenz in Trier. Daß sicher ein Großteil des Publikums nicht aus Trier oder Trier-Land kam, spielt dann eben keine Rolle. 




Um 19:15 Uhr ging es vorgruppenfrei los. "Wir spielen für euch Lieder aus den Jahren 1993 bis 2003 und zwar in chronologischer Reihenfolge." Also Stücke der ersten sechs Platten. "Chronologisch" war dabei als albenchronologisch zu verstehen, also in der Reihenfolge, in der sie auf den Platten sind, vom ersten Lied bis zu den Zugaben. Ich mag so etwas sehr! Nach Neues vom Trickser (letztes Lied, letzte Platte Hamburg years) kamen noch zwei Ausnahme-Zugaben, Hoffnung, die 2020er Single und Letztes Jahr im Sommer.

Natürlich war das Konzert brillant. Was könnte bei der Band und der Setlist schiefgehen? Der Klang war eine Spur breiig, aber hey, es findet wieder Livemusik statt! Auch an der Liedauswahl könnte man mäkeln, wenn man umbedingt mäkeln möchte. Die perfekte Liveshow der Hamburg years wären ohnehin drei Abende à zwei Alben gewesen (die Sparks haben das in London vor einigen Jahren gemacht und an 20+ Abenden jedes Album komplett gespielt, The Divine Comedy machen das irgendwann nach Corona auch - Tickets liegen hier). Aber als Auswahl taugten die 22 Lieder perfekt!

Dirk von Lowtzow schien gut gelaunt. Er hielt uns unterwegs immer wieder auf dem Laufenden, sagte wo wir uns gerade befanden ("wir sind jetzt im Jahr 1999" oder "wir kommen jetzt zum ersten Lied, das wir als Tocotronic geschrieben haben, glücklicherweise gleich eines der besten Stücke aller Zeiten! Die Idee ist gut, die Welt noch nicht bereit"), dirigierte viel, was ich anfangs als Aufforderung verstand, aufzustehen. Bei einem der letzten Konzerte hatte die Band aber wohl darauf hinweisen müssen, daß das Publikum sich wieder setzen müsse. 

Auch wenn Konzerte im Sitzen die Pest sind (Seuchenvergleiche aber auch), haben sie einen Vorteil: das Publikum ist aufmerksamer. Das dämliche Quatschen mit dem Nachbarn, das noch dämlichere Zusammenschlagen von Flaschen vor jedem Schluck waren nicht zu hören. Wie bei Fußballgeisterspielen hört man plötzlich Dinge, die sonst untergehen. Hier waren es ein paar schöne Reaktionen des Publikums. Dirks "wir spielen jetzt einen postmodernen Song" kommentierte jemand mit "die sind doch alle postmodern!" "Ja, scheiße!" Oder - mein Liebling - nach der Ansage "es folgt ein selten gespielter Protestsong" ein von Herzen kommendes "oh!"

Mehr kann ich mir ein Konzert im Sitzen aber nicht schönreden. In einem Club oder auf einer matschigen Wiese stehend hätte ich den Auftritt geliebt. So war es ein DVD-Abend auf einem unbequemen Stuhl. Das coronabedingte Konzept Großkonzert sitzend funktioniert bei mir nicht. Oder richtiger: ich funktioniere da nicht. Band, Songs, Wetter, Bandlaune, Publikum, Organisation (von der 3G-Sache und der Kommunikation abgesehen), alles perfekt! An mir ging das aber leider komplett vorbei. Wie Prince 1992. 

Setlist Tocotronic, The Hamburg years, Trier:

01: Freiburg 
02: Digital ist besser 
03: Drüben auf dem Hügel 
04: Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit 
05: Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein 
06: Du bist ganz schön bedient 
07: Michael Ende, du hast mein Leben zerstört 
08: Die Welt kann mich nicht mehr verstehen 
09: Ich verabscheue euch wegen eurer Kleinkunst zutiefst 
10: Nach Bahrenfeld im Bus 
11: Sie wollen uns erzählen 
12: Ich bin viel zu lange mit euch mitgegangen 
13: Let there be rock 
14: Die neue Seltsamkeit 
15: Jackpot 
16: Die Grenzen des guten Geschmacks 2 
17: Jenseits des Kanals 
18: Das Geschenk 

19: This boy is Tocotronic (Z) 
20: Hi freaks (Z) 
21: Neues vom Trickser (Z) 

22: Hoffnung (Z) 

23: Letztes Jahr im Sommer (Z)

* Das Antwortmail kam um 21:15.








 

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